Besorgnis erregend: Leberkrebsraten verdreifacht
ROCKVILLE - Die Leberkrebsraten steigen: Ein besorgniserregender Trend, der sich stoppen ließe. Denn: das hepatozelluläre Karzinom (HCC) entsteht oft als Folge einer langjährigen, chronischen Hepatitis, die nicht rechtzeitig entdeckt und entsprechend therapiert wurden. Mit 600.000 neu diagnostizierten Fällen weltweit ist Leberkrebs die sechsthäufigste Krebsart. Und leider auch eine der tödlichsten. Jeder dritte krebsbedingte Todesfall geht zu Lasten dieser Erkrankung. Hauptrisikofaktoren für die Entstehung eines HCC sind eine chronische Hepatitis B oder C. Besonders tückisch: Ähnlich wie bei einer chronischen Hepatitis C, die als „Silent Killer" häufig symptomlos und daher unbemerkt bleibt, sind auch 40 Prozent der HCC-Patienten zum Zeitpunkt der Diagnosestellung symptomfrei. Aktuelle Daten aus den USA zeigen, dass die Zahl der HCC-Neuerkrankungen merklich ansteigt1.
Im Rahmen des „Surveillance, Epidemiology, and End Results (SEER)"-Programms des National Cancer Instituts (NCI) wurden Daten zu Häufigkeit des hepatozellullären Karzinoms, Überleben und Sterblichkeitsrate bei Risikogruppen von 1975 bis 2005 erfasst und ausgewertet.
Zu den Ergebnissen: Die altersadaptiert ausgewertete HCC-Häufigkeit hat sich von 1975 bis 2005 verdreifacht. Die HCC-Rate ist bei Männern zwischen 50 und 59 Jahren (ethnische Zugehörigkeit: Latinos, weiße und farbige Männer) merklich angestiegen. Dies führt die Arbeitsgruppe um Sean Altekruse darauf zurück, dass eine bereits in den 60er Jahren aufgetretene HCV-Epidemie in dieser Altersgruppe chronische, häufig nicht entdeckte Hepatitis-C-Erkrankungen verursacht hat. Als Spätfolge kommt es nun gehäuft zum Leberzellkarzinom.
Auch eine auf dem diesjährigen Leberkongress vorgestellte taiwanesische Studie, in der 23.820 Menschen über 16 Jahre beobachtet wurden, zeigte für Menschen mit einer Hepatitis-C-Infektion ein erhöhtes Sterberisiko aufgrund von Krebserkrankungen auf 2. Dazu zählen neben dem HCC auch Speiseröhren-, Gallenblasen- und extrahepatische Gallengangskarzinome, Gebärmutterhalskarzinome, Leukämie, Prostata- sowie Schilddrüsenkarzinome. Die Autoren der Studie folgern, dass der Zusammenhang zwischen einer Hepatitis-C-Erkrankung und extrahepatischen Karzinomen genauer untersucht werden sollte.
Experten der „American Society of Clinical Oncology" (ASCO) stellten fest, dass ein frühzeitiges HCC-Screening von Hepatitis-C-Patienten, einer der Hauptrisikogruppen, direkt zu einer frühen Diagnosestellung und damit verbesserten Überlebensraten beitragen könnte. Ein frommer Wunsch. Denn jeder 12. Mensch weltweit ist von einer chronischen Virushepatitis betroffen - bei einer Dunkelziffer von geschätzten 80 Prozent. Und so würde ein erfolgreiches HCC-Screening auch voraussetzen, dass Patienten mit chronischer Hepatitis-C-Infektion diagnostiziert sind. Altekruse stellte hierzu fest, dass es in den USA erhebliche Lücken hinsichtlich des Hepatitis-C-Screenings gibt: beispielsweise bei Menschen, die vor 1990 Bluttransfusionen oder Blutprodukte erhalten haben, oder bei Menschen mit i.v-Drogenkonsum, der mitunter viele Jahre zurücklag und daher nicht mehr bedacht wird.
Leberkrebs ist mit einer Ein-Jahres-Überlebensrate von weniger als 50 Prozent noch immer eine schwer behandelbare Erkrankung. Daher kommt der Vorsorge und der frühen Diagnose von Leberkrankheiten eine Schlüsselrolle zu. Auch in Deutschland: Daten aus mehreren Bundesländern zeigen, dass keine Krebsform in den letzten drei Jahrzehnten eine derart starke Zunahme-Dynamik gezeigt hat wie das HCC3. Die Zahl der Neuerkrankungen hat sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt. Nach Schätzungen der Deutschen Krebshilfe erkranken jährlich etwa 5.300 Menschen neu an einem HCC.
Quellen:
- Altekruse SF: Hepatocellular Carcinoma Incidence, Mortality, and Survival Trends in the United States From 1975 to 2005. J Clin Oncol 2009, 279:1485-91
- Lee MH: Hepatitis C Virus Infection and Mortality from Various Cancers: A Community-based Long-term Follow-Up Study. EASL 2009, # 407
- Schurr R: Zunahme des hepatozellulären und des intrahepatischen cholangiozellulären Karzinoms im Nordosten Deutschlands. Dtsch med Wochenschr 2006, 131: 1649-1655
Mehr:
- Über SEER: http://seer.cancer.gov/registries/
- Davis GL : Projecting future complications of chronic hepatitis C in the United States. Liver Transpl 2003; 9:331-8
- Deuffic-Burban S: Estimating the future health burden of chronic hepatitis C and human immunodeficiency virus infections in the United States. J Viral Hepatol 2007; 14:107-15
- Greten TF: Survival rate in patients with hepatocellular carcinoma: a retrospective analysis of 389 patients. Br J Cancer 2005;92: 1862-8
© Simone Widhalm