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1. Welthepatitistag
"Das sind geschenkte Jahre"

Rudolf Schweizer hat als junger Mann im Jahr 1976 im Zusammenhang mit einer großen Darmoperation mehrere Bluttransfusionen erhalten. Wahrscheinlich war eine dieser Blutkon­serven mit Hepatitis C-Viren kontaminiert. Noch in der Klinik wurde eine Entgleisung der Transaminasen festgestellt und im weiteren Verlauf die Diagnose Non A/Non B-Hepatitis gestellt. „Jahrelang machte ich Therapien durch, die nicht halfen und Untersuchun­gen, die zu nichts führten", sagt Schweizer in einem Gespräch während des 1. Welthepatitis­tages in Frankfurt am Main. Trotz immer neuer Rückschläge hat der heute 64-Jährige im Jahr 2003 die Kraft für eine weitere - diesmal erfolgreiche -Therapie gefunden. Er sagt: „Ich will bei anderen von Hepatitis C Betroffenen keine falschen Erwartungen wecken. Aber: Hepatitis C ist heute heilbar. Und persönlich bin ich im Nachhinein dankbar, dass die ich die Möglichkeit für eine zweite Therapie hatte und dass ich sie konsequent wahrgenommen habe". 

Hepatitis-Care: Was hat die Diagnose Non A/Non B-Hepatitis für Sie bedeutet?

Schweizer: Das Problem war, dass das Hepatitis C-Virus Mitte der siebziger Jahre noch nicht identifiziert war und eine wirksame Therapie nicht existierte. Für mich hat das damals bedeu­tet, unter einem doppelten Damoklesschwert zu leben: Von Seiten des Darms bestand die Ge­fahr einer Entartung. Und wegen der Hepatitis musste ich eine Leberzirrhose und ein Leber­zellkarzinom befürchten. Die Aussage der Mediziner war damals nur: Wir müssen das beob­achten.

Hepatitis-Care: Wie hat sich das auf Ihr Leben ausgewirkt?

Schweizer: Beides hat mein Leben deutlich beeinträchtigt. Zunächst, weil die Erkrankungen durch die medizinische Überwachung immer im Denken präsent waren. Ich hatte vierteljähr­liche Bluttests, jährlich eine Sonografie und alle drei bis fünf Jahre eine Biopsie, um den Sta­tus der Leber regelmäßig zu beobachten. Es gab akute Schübe von erhöhten Transaminasen, die mangels Therapie nicht behandelt werden konnten. Im Rahmen der Kontrolluntersuchun­gen hatte ich zweimal das Pech schwerer Nachblutungen - aber immer wieder und selbst als Notfallpatient auch das Glück, von erfahrenden Ärzten gut betreut zu sein. Es kam schon einiges zusammen. Nach und nach habe ich dann gelernt, mit der Bedrohung durch beide Erkrankungen umzugehen.

Hepatitis-Care: Die Lebererkrankung wurde dann als chronische Hepatitis C erkannt?

Schweizer: Richtig. Das war Ende der achtziger Jahre. Ich war einer der ersten Patienten, bei dem die konkrete Diagnose Hepatitis C gestellt wurde. Mir wurde dann gesagt, dass aufgrund einer hohen Viruslast auch Behandlungsbedarf besteht. Mit der dann eingeleiteten Kortison-Therapie sollte die Leberentzündung bekämpft werden; heute weiß man, dass dies der falsche Therapie-Ansatz war.

Mitte der 90-iger Jahre stand eine neue Therapie zur Verfügung. Allerdings waren die Erfolgsaussichten der damals eingesetzten Therapie schlecht oder zumindest stark eingeschränkt. Nach Beratung durch einen Hepatologen habe ich mich aber doch für eine Therapie entschieden, um die Chance auf eine Ausheilung zu nutzen. Leider war diese Behandlung nicht erfolgreich. Sie wurde nach sieben Monaten ergebnislos abge­brochen.

Hepatitis-Care: Wie hat Ihre Familie auf die Entscheidung zur Therapie reagiert?

Schweizer: Sehr positiv muss ich sagen. Ich hatte ein soziales Umfeld, was stimmte. Da schafft man Dinge, die man von den Belastungen her sonst nicht durchhalten würde. Die Familie hat mir außerordentlich geholfen. Auch im Berufsleben wurde mir Verständnis ent­gegengebracht. Ich hatte damals den Biss, es zu packen und im Beruf zu bleiben. Und das habe ich auch geschafft. Umso niedergeschlagener war ich, dass die Behandlung nicht ange­schlagen hatte. Im Verlauf hat sich der Zustand meiner Leber dann immer weiter verschlech­tert, was sich insbesondere in der Entwicklung einer Zirrhose manifestierte.

Hepatitis-Care: Wie kam es dann zur zweiten Behandlung?

Schweizer: Während einer Reha-Maßnahme in Bad Brückenau hat mich eine junge Ärztin auf eine nochmalige Therapie angesprochen. Sieben Jahre nach der ersten Behandlung waren neue Präparate verfügbar, die in Kombination mit einem weiteren Medikament gute Erfolgsaussichten verspra­chen. Mein behandelnder Arzt hat mich dann zu einem Hepatitis C-Spezialisten vermittelt, der mir zusätzlich Mut machte. Dessen Aussage war: „Selbst wenn das Virus durch die The­rapie nicht eliminiert wird, ge­winnen Sie acht bis zehn Lebensjahre, wenn eine deutliche Absenkung der Viruslast erreicht wird". Das war der Hauptgrund für mich zu sagen: Das machst Du.

Hepatitis-Care: Was hat Ihnen beim Durchhalten geholfen?

Schweizer: Die Aussage, dass ich bis zu zehn Lebensjahre gewinne, war der Schlüssel zum Durchhalten. Dazu kam die Aussicht auf eine bessere Lebensqualität. Denn heute kann ich sagen, ich bin zu einem Großteil die Sorge los, dass die Leberzirrhose weiter fortschreitet. Und ein Leberzellkarzinom wird mir nach menschlichem Ermessen erspart bleiben. Damit sind natürlich Zentnerlasten von mir abgefallen. Ich muss aber auch sagen, dass es ohne meine Familie nicht gegangen wäre. Meine Frau hat damals ganz klar gesagt: „Du musst das machen, weil wir - die Kinder und ich - Dich brauchen". Das war ein ganz entscheidender Faktor, die Therapie durchhalten zu können und das auch zu wollen.

Hepatitis-Care: Wie sieht es heute mit Ihrer Gesundheit aus?

Schweizer: Die zweite Therapie war im Oktober 2003 abgeschlossen. Im März 2004 wurde nach drei bangen Tagen der Ungewissheit bei der Nachuntersuchung kein Virus mehr gefunden. Und so ist es auch geblieben.

Nach einer Rekonvaleszenzzeit von etwa einem Jahr hat sich mein Allgemeinzustand weit­gehend normalisiert. Ich treibe wieder Sport, bin in verschiedenen Ehrenämtern engagiert  und betreibe mein Hobby - die Fotografie - mit Leidenschaft. Soweit kann ich sagen: Das sind geschenkte Jahre.

Hepatitis-Care: Was würden Sie heute anderen Betroffenen sagen?

Schweizer: Natürlich muss man hier vorsichtig sein, denn meine guten Erfahrungen sind ja nicht einfach auf Dritte übertragbar. Betroffenen, die über eine Behandlung nachdenken, würde ich raten, sich gut zu informieren und gegebenenfalls gut vorzubereiten. Man sollte wissen, was auf einen zukommt, sich über die Konsequenzen im Klaren sein und die Ent­schei­dung zur Therapie bewusst treffen. Man muss es im Kopf klar haben, ob man das will oder nicht. Hat man sich dafür entschieden, sollte man die besprochene Therapie nach Mög­lichkeit auch konsequent umsetzen. Bei mir war die zweite Therapie schon eine Ochsentour. Ich habe eine Zeit lang sogar kleinste körperliche Belastungen nicht mehr geschafft. Ich musste Wege mit kleinen Anhöhen meiden, weil ich wusste: Da kommst Du nicht drüber.

Dass ich - bedingt durch die gravierenden Nebenwirkungen, die sich mit zunehmender Dauer der Therapie erheblich verstärkten - vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden musste, war eine Zäsur, mit der ich erst einmal fertig werden musste.

Worauf ich ein bisschen stolz bin, ist dass ich die besprochene Dosis trotz aller Widrigkeiten konsequent durchhalten konnte. Im Nachhinein bin ich dankbar, dass ich die zweite Therapie gemacht habe. Und dass ich sie durchgehalten habe. Ich kann sagen: Für mich hat es sich wirklich gelohnt.

Vielen Dank für das Gespräch.

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