Dame Anita Roddick anläßlich des Welthepatitistages 2007
Bei mir wurde im Jahr 2004 Hepatitis C diagnostiziert. Ich hatte keine Ahnung, dass ich das Virus in mir tragen könnte. Es gab nichts, was mich auch nur argwöhnen ließe, dass dem so sein könnte. Zufälligerweise tauchte es auf. Ich ließ eine routinemäßige Blutuntersuchung vornehmen und dabei zeigte sich, dass meine Leberwerte zu hoch waren. Infolge dessen wurde ich auf eine Reihe Dinge hin untersucht, die abklären sollten, wie es dazu gekommen war. So wurde meine Hepatitis C diagnostiziert. Zu diesem Zeitpunkt trug ich das Virus bereits über 30 Jahre in mir. Offensichtlich hatte ich mich angesteckt, als ich 1971 nach der Geburt meiner jüngsten Tochter Sam eine kontaminierte Bluttransfusion erhalten hatte.
Als ich von der Diagnose erfuhr, nahm ich das zunächst nicht allzu ernst. Ich hatte keine offensichtlichen Symptome. Tatsächlich begann ich nun überhaupt erst, Symptome auszumachen und diese waren wirklich wenig ausgeprägt. Ich wußte aber auch nicht viel darüber. Ich wußte nur, dass man im allgemeinen davon ausging, dass es sich um eine sehr langsam verlaufende Erkrankug handelt. Ich glaube, ich war von dem generellen Desinteresse, das man der Hepatitis C entgegenbringt, geprägt.
Jedoch: Die Tatsache, dass ich mich nicht krank gefühlt habe, bedeutete noch lange nicht, dass es mir gut ging. Ich ließ weitere Untersuchungen über mich ergehen, die zeigten, dass ich bereits eine Leberzirrhose habe. Natürlich blieb mir damit nichts anderes übrig, als diese Erkrankung ernst zu nehmen. Jedes Mal, wenn ich die erforderlichen Tests und Untersuchungen vornehmen lasse, läßt es mich bis ins Mark zittern: Meine Angst ist, dass sich aus meiner Zirrhose Leberkrebs entwickelt, dass mein Arzt beim nächsten Termin diesen Gesichtsabdruck haben könnte, den man zeigt, wenn man zu verkünden hat, dass ein Tumor gefunden wurde.
Eine weitere Frage, die mich quälte war: Könnte ich in den zurückliegenden 30 Jahren jemanden angesteckt haben? Es gab so viele Möglichkeiten, mit meinem Blut in Kontakt gekommen zu sein. Kann ich mich daran erinnern, immer vorsichtig gewesen zu sein, wenn ich mich geschnitten hatte? Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, ob ich nach der Geburt meiner Kinder zwischen 1970 und 1980 nicht weiter Blut gespendet hatte, was ich als Studentin regelmäßig getan hatte.
Es gibt bei Hepatitis C die Möglichkeit einer Behandlung. Ich stellte für mich jedoch ziemlich schnell fest, dass dies aus verschiedenen Gründen für mich selbst nicht in Betracht kam, das war einfach keine realistische Option für mich. Allerdings wäre das etwas völlig anderes gewesen, wenn ich früher diagnostiziert worden wäre.
Irgendwo hatte ich gelesen, der Anfang vom Gesundsein ist, von seiner Krankheit zu wissen. Entspricht nicht genau das auch der Realität?
Außerdem sollte man sein Leben unter Kontrolle haben. Wenn ich mich zurücklehnen und darauf warten würde zu sterben, wird wohl genau das auch passieren. Aber das ist nichts für mich. Ich möchte den Mut haben, für meine eigene Gesundheit und mein Wohlergehen zu kämpfen und mich nicht davor zu fürchten, was die Zukunft bringen könnte. Und ich möchte nicht über meine Krankheit definiert werden - genauso wenig wie ich es jemals wollte, mit dem Etikett „Die Frau, die ‚The Body Shop' gegründet hat" versehen zu werden.
Ich bin nicht verbittert ob meiner Situation. Ich versuche, mich darin zurecht zu finden, denn das entspricht auch meiner Natur. Aber ich bin überrascht. Ich bin erstaunt, dass ich ein lebensbedrohliches Virus in mir trage - ein infektiöses, eines, das ich seit 33 Jahren habe und das ich durch ein bekanntes Risiko bekommen habe....und niemand fand es jemals erwähnenswert, dass es vielleicht eine gute Idee sein könnte, einen Test durchzuführen. Ich bin erstaunt, dass ich es durch Zufall herausfinden mußte. Ich bin erstaunt, dass ich immer noch so leicht nicht diagnostiziert wurde.
Das ist das auch der Grund, weshalb ich mich zur Hepatitis C äußern möchte und das auch in Zukunft tun werde. Ich habe das Glück, eine gewisse Beachtung zu finden und ich gedenke, genau das auch zu nutzen, um Hepatitis C ins Rampenlicht zu drängen und genau dort auch zu belassen. Die Macht der Patienten, sich für das einzusetzen, was ihnen wichtig erscheint, ist in vielen Bereichen der Medizin stetig mehr geworden. Wir als Patienten müssen bei der Hepatitis C den Weg ebnen, nicht nur in Bezug auf Wahrnehmung und Aufklärung, sondern auch um die Stimme zu erheben für Minderheiten wie Strafgefangene, Drogenabhängige und ehtnische Minderheiten. Aber wir können das nicht alleine tun. Wir brauchen Unterstützung von Ärzten wie Professor Pawlotsky, von der Industrie und besonders von nationalen Regierungen und von überstaatlichen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation und der Europäischen Union.
Der heutige Tag ist ein gutes Vorbild für alle von uns, die wir uns mit einem gemeinsamen Ziel versammelt haben. Aber ein Tag ist nicht ausreichend. Meine hauptsächlichen Qualifikationen innerhalb von „The Body Shop" waren Kommunikation und Markenaktivitäten. Und Hand auf's Herz - was ich Ihnen mitteilen kann ist, das, was wir heute erreichen können, ist, gerade mal einen kleinen Schritt in die Richtung dessen zu gehen, was es zu tun gibt. Um wirklich effektiv zu sein, muss man eine Botschaft wiederholen, wiederholen und nochmals wiederholen. Und just in dem Moment, wenn man wirklich müde ist, immer wieder dasselbe zu sagen, dann endlich werden einen die Leute verstehen.
Wir haben für den heutigen Tag das Motto „Get Tested!". Aber wenn dies nur für diesen einen einzigen Tag der Fall sein sollte, ist das bei weitem nicht genug.Was wir brauchen, sind geeignete Programme mit einer angemessenen Bereitstellung von Mitteln auf nationalem, regionalem und globalem Niveau, um wirklich sicherzustellen, dass diese Botschaft solange zu vernehmen ist, bis sie die Menschen erreicht hat, die sie hören sollen.
Ich möchte nicht, dass bei irgendjemand zufällig eine Hepatitis C diagnostiziert wird. Ich möchte nicht, dass bei irgendjemandem die Diagnose gestellt wird, wenn bereits eine Zirrhose besteht. Und ich möchte nicht, dass bei jemandem die Diagnose gestellt wird, wenn es bereits zu spät für eine Therapie ist. Deshalb verspreche ich, dass ich tun werde, was auch immer ich kann. Und ich hoffe, Sie alle werden versprechen, dasselbe zu tun und ich bin ganz besonders gespannt darauf zu hören, was die Europäische Kommission bereit ist zu tun.
Antita Roddick hatte diese Rede vor ihrem plötzlichen Tod am 10.09.2007 vorbereitet, um sie anläßlich des 4.Welthepatitistages bei einer Podiumsdiskussion im Europäischen Parlament in Brüssel zu halten. Im Rahmen ihres vielfältigen Engagements für den britischen Hepatitis-C-Trust hatte sie übrigens alle 785 Mitglieder des Europäischen Parlaments (MEP) persönlich angeschrieben, eine schriftliche Erklärung zur Hepatitis C zu unterzeichnen. Ihrer Persönlichkeit und ihrem Engagement war es wohl zu verdanken, dass 470 Mitglieder dies denn auch taten: Seit 1999 war es das erste Mal, dass so viele Mitglieder eine einzige schriftliche Erklärung unterzeichnet haben.
Brüssel, Podiumsdiskussion zur Hepatitis C im Europäischen Parlament am 1. Oktober 2007
Mehr zu Anita Roddick:
http://www.anitaroddick.com/
Übersetzung: Simone Widhalm